Herbertstraße - Geschichte einer Domina

Herbertstraße - Geschichte einer Domina: Staffel 1

Selbstbewusst kämpft sie sich schon in jungen Jahren durch ein Leben voller Abgründe und Abhängigkeiten, bis sie schließlich im Hamburger Rotlichtmilieu ihren Platz findet. Die Serie fokussiert sich auf ihren permanenten Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit und ihr Leben in der legendären Herbertstraße, wo sie bis heute als dienstälteste Domina arbeitet. Mit einem "weiblichen" Blick auf das Rotlichtmilieu stellt die Dokuserie Fragen zu den Bedürfnissen und Abgründen unserer Gesellschaft und dem gesellschaftlichen Umgang mit Prostitution in Deutschland. Im szenischen Teil wird Manuela Freitags Geschichte von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter dargestellt und durch Interviews mit ihr vertieft. Darüber hinaus kommen auch Weggefährtinnen und -gefährten sowie weitere Stimmen aus dem Milieu zu Wort, die den Blick auf die Herbertstraße und Prostitution in Deutschland erweitern. Archivaufnahmen ermöglichen einen Rückblick in die Zeit.

Where to Watch Herbertstraße - Geschichte einer Domina • Herbertstraße - Geschichte einer Domina: Staffel 1

3 Episodes

  • Rebellion
    E1
    RebellionManuela Freitag verbringt ihre ersten Lebensjahre bei einer Pflegefamilie in Bremen und ahnt nicht, dass dies nicht ihre leiblichen Eltern sind. Oft seien sie überfordert gewesen: "Sie hatten wenig Zeit mir irgendwie das zu geben, was ich als Kind gebraucht hätte." Dennoch bricht für die kleine Manuela eine Welt zusammen, als sie eines Tages abgeholt und in einem Heim untergebracht wird. Warum sie damals aus ihrem Zuhause gerissen wurde, darauf hat Manuela bis heute keine Antwort. Das Gebäude, in dem sie damals untergebracht war, steht noch. Doch alle Unterlagen über ihren früheren Aufenthalt sind verschwunden. Manuela erinnert sich, wie sich damals der Schmerz in Wut verwandelte: "Ich war ein Teufel als kleines Kind, natürlich, aber das hat mich ja alles aggressiver gemacht". Der Wunsch nach Liebe und Zugehörigkeit, versteckt in unkontrollierten Wutausbrüchen - damit sind Erzieher und Betreuer überfordert. Statt Manuelas Verhalten als Hilfeschrei zu verstehen, reagieren sie mit Strenge und Repression. Als Manuela eingeschult wird, erlebt sie auch bei Gleichaltrigen Zurückweisung. Um schließlich akzeptiert zu werden, nimmt sie Schmerzen in Kauf, lässt sich beim Indianerspiel fesseln und mit Pfeilen beschießen. "Mir war es egal, welchen Preis ich dafür zahle - Hauptsache, sie spielen mit mir". Als Jugendliche glaubt sie, in ihrem Betreuer die große Liebe gefunden zu haben und erlebt eine bittere Enttäuschung. Er verführt Manuela, verliert aber schon bald das Interesse an ihr. Dass er sie als Schutzbefohlene schlicht missbraucht hat, wird Manuela erst viel später klar. Immer häufiger büxt sie aus und macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Straßenstrich in Bremen, wo auch Minderjährige "anschaffen". "Da hat niemand gefragt: Wer bist du, woher kommst du", erinnert sich Manuela. Als sie selbst zu ihrem ersten Freier ins Auto steigt, denkt sie nur: "Danach kann ich eine Cola trinken, danach kann ich mir eine Hose kaufen ..." Die Furcht, erwischt zu werden, ist ihr ständiger Begleiter, denn sie ist ja noch minderjährig. Inzwischen wohnt Manuela nicht mehr im Heim, sondern in einer Wohngruppe, wo sie regelmäßig von ihrem gesetzlichen Vormund, Herrn Bernd, aufgesucht wird. Von ihm erfährt sie, dass sie von ihren vermeintlichen Eltern adoptiert wurde und ihre leibliche Mutter direkt nach der Geburt aus dem Krankenhaus verschwand.
  • Rotlichtmilieu
    E2
    Rotlichtmilieu"Jede Prostituierte in der Herbertstraße hat eine Geschichte, die sie dahin gebracht hat", so das Resümee von Manuela Freitag heute. Ein Teil ihrer Geschichte ist die Suche nach ihrer Mutter. Immer wieder trampt sie damals von Bremen nach Hamburg, durchstreift den Kiez, fragt nach bei Prostituierten - vergeblich. Sie schläft bei Fremden und in Hauseingängen, wird mehrmals von der Polizei aufgegriffen und zurückgeschickt. Erst als sie das Telefonbuch nach ihrem Nachnamen durchforstet und tagelang alle "Freitags" abtelefoniert, wird sie fündig. Es gibt einen Großvater und endlich ein Foto ihrer Mutter. Doch die ist mittlerweile tot. Bremen, Ende der 1970er Jahre. Manuela, noch minderjährig, geht anschaffen und glaubt sich bei einem Zuhälter sicher vor dem Zugriff von Polizei und Jugendamt. Ein fataler Fehler - der Mann sperrt sie ein, ist ein Schläger und Vergewaltiger und einer, der gestrandete Mädchen wie sie ausbeutet. Erst der 18. Geburtstag bringt Manuela scheinbar "Freiheit". Ihr Ziel: Hamburg, die Reeperbahn. "Club Sheila" und "Club 88" sind die angesagten Diskos, hier verkehren viele Zuhälter. "Sie sahen gut aus, trugen lange Haare, waren schick angezogen, eben Hingucker", erinnert sich Esther Lindemann, damals Revierpolizistin auf St. Pauli. Die Schönlinge waren Meister im Anbaggern und Vortäuschen von Liebe. Doch wer in die Honigfalle tappte, entkam den Zuhältern kaum: "Man darf seinen Luden nicht verraten", so das Gesetz im Milieu, wer dagegen verstieß, bekam eine brutale Seite der Machos zu spüren. Nicht selten retteten sich verprügelte Frauen aufs Revier von Esther Lindemann. Manuela dagegen konnte sich mit ihrem Zuhälter einigen. 10.000 Mark "Abstecke" war der Preis für ihre Unabhängigkeit, sie arbeitet fortan in die eigene Tasche. Bis sie einen Entschluss fasst. Ein normales Leben führen, aussteigen, nicht mehr anschaffen gehen. Sie bewirbt sich auf einen Aushang: "Putzhilfe gesucht".
  • Reifeprüfung
    E3
    Reifeprüfung"Ich war pflastermüde, wollte mal was anderes machen", doch Manuelas Vorsätze für ein normales Leben halten nicht lange. Den Putzjob schmeißt sie hin, landet wieder auf der Straße. Doch der Kiez hat sich verändert: "Es kam die furchtbare Krankheit Aids, die Freier hatten Angst, sich anzustecken", erklärt die ehemalige Revierpolizistin Esther Lindemann. Das Geschäft mit dem Sexkauf bricht ein. Die Zuhälter suchen nach einem zusätzlichen Einkommen. Kokain, "die weiße Dame", erobert die Straße. Mit den Drogen eskaliert die Gewalt auf dem Kiez. "Wenn es Schwierigkeiten gab, wurde das leider nicht mehr per Boxkampf geregelt", erzählt Lindemann. Es kam zu Schießereien und Toten auf St. Pauli. Auch Manu greift damals zum weißen Pulver, "lässt im Kopf die Lampen angehen", wie sie zurückblickend sagt. Ihre Arbeitssituation hat sich massiv verbessert: Ein eigenes Schaufenster in der Herbertstraße ist für sie ein "Sechser im Lotto". Sie legt sich ein neues Image zu, wird Domina. "Prostitution ist für mich ein Beruf wie jeder andere", sagt Manu heute, "ich arbeite freiwillig". Doch wie freiwillig kann Prostitution sein? Das fragt Huschke Mau, Aktivistin und Befürworterin des "nordischen Modells". In Schweden ist nicht die Prostitution verboten, sondern der Sexkauf. Dieser sei ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde, so die Argumentation. Bestraft werden in Schweden nur die Profiteure der Prostitution: Freier, Zuhälter, Bordellbetreiber. Die Sexarbeiterinnen dagegen bleiben straffrei. In Deutschland ist Prostitution grundsätzlich legal, solange sie freiwillig von volljährigen Personen ausgeübt wird. Seit 2017 regelt das Prostituiertenschutzgesetz die Rechte und Pflichten von Prostituierten und Bordellbetreibern. Damit, so die Kritik von Huschke Mau, werden "Bordellbesuche als normaler Teil männlicher Sexualität akzeptiert, was Frauen zu käuflichen Objekten degradiert". Im Hamburg der 1990er-Jahre kann sich Manu einen sehnlichen Wunsch erfüllen. Sie findet einen Partner, wird Mutter eines Sohns. Die Beziehung scheitert. Als das Kind vier ist, setzt sie den Vater vor die Tür, zieht den Kleinen alleine groß. Ihr Sohn ist ihr ganzer Stolz. "Meine Kindheit war ein Kampf", sagt Manu, "hätte ich Vertrauen gehabt zu jemand, der hätte mich an der Hand genommen - und ich wäre jetzt Ärztin oder Richterin oder was auch immer, dann wäre ich das. Aber ich bin nun mal eine Prostituierte."

 

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